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"Ja, ja, geh du nur", sagte ich zu meiner Freundin, als sie mir begeistert erzählte, sie werde sich bei Markus Hardegger anmelden. "Das ist sicher eine tolle Sache. Aber nicht für mich." Und um mich nicht gänzlich als Feigling zu outen, murmelte ich noch etwas von: "Irgendwann einmal geh ich dann vielleicht auch." Weniger aus Überzeugung als vielmehr darum, um in Ruhe gelassen zu werden.
Die Ruhe vor dem Feuer
Ruhe hatte ich. So ungefähr drei Wochen. Dafür hatte ich dann den Feuerlauf-Trainer Hardegger gleich persönlich am Telefon. Es ginge um die Feuerlauf-Seminare, ich hätte ja bestimmt schon davon gehört, dass er... Ja, hatte ich. Irgendetwas war im Busch, doch ich wusste noch nicht was. Markus Hardegger fragte, ob ich einen Bericht über das Feuerlaufen schreiben würde. Einen persönlichen Bericht. Etwas sehr naiv und sehr vorsichtig fragte ich nach. Ob ich einfach dabei sein könne und so schreiben? Oder ob ich mitmachen müsse? Markus Hardegger kennt die Ängste der angehenden FeuerläuferInnen - auch aus eigener Erfahrung. Bei mir wandte er Trick 77 an. "Ja, ja, komm einfach und schau zu." Wunderbar, alles klar, kein Problem, ich sagte zu. Getrost konnte ich den Feuerlauf wieder vergessen, denn bis zum Termin waren es noch einige Wochen. Und ich würde ja ohnehin nur die Rolle der Beobachterin haben.
Im Nachhinein ist mir klar, dass ich so nicht gezwungen war, mich mit mir und meinen Ängsten auseinander zu setzen. Denn schliesslich würde ich ja nicht übers Feuer gehen. Das würden die anderen machen und ich würd' ihnen dann zusehen und sie bewundern und über sie und ihre Erfahrungen schreiben. Dachte ich. Bis ungefähr zwei Tage vor "meinem" Feuerlauf-Seminar dachte ich das. Dann wurde ich gezwungen, umzudenken. Markus rief wieder an. Frisch-fröhlich meinte er: "Du, nimm sicherheitshalber doch alles mit, was man zum Feuerlauf braucht. Vielleicht macht es dich dann so an, dass du einfach auch mitmachst." Warum ich genau in dem Moment mit absoluter Sicherheit wusste, dass ich aktiv dabei sein würde, kann ich nicht erklären. Es war einfach eine Tatsache. Wieder setzte ich mich nicht mit der Thematik und mit mir auseinander. Ich hatte viel zu tun und das war mir als Begründung wohl gerade recht.
Dann war der Samstag da. Im Seminarraum hatten sich die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereits versammelt. Manche kannten sich und waren in Gespräche vertieft, andere waren alleine da. In diesem Moment hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, zu diesem Seminar gekommen zu sein wie die Jungfrau zum Kinde. Denn aus den Diskussionen der SeminarteilnehmerInnen hörte ich heraus, dass sich praktisch alle seit einiger Zeit intensiv mit dem Feuerlauf beschäftigten. Oder zumindest seit ihrer Anmeldung hatten sie es getan. Ich blieb trotzdem.
Altlasten und Frieden
Über den Inhalt des Seminars, über die Vorbereitungen und die intensiven Übungen selbst möchte ich nicht viel erzählen. Zum einen, weil ich nicht alles verraten möchte, zum anderen, weil das Programm sehr vielschichtig ist und die verschiedensten Ebenen anspricht. Es gibt Dinge, die man erlebt und erfahren haben muss - und über die man entweder nicht sprechen möchte oder kann. Was ich allerdings sagen will: Jede Minute der Vorbereitungszeit hat mich weitergebracht. Nicht einmal nur im Hinblick auf den Feuerlauf, nein. Ich habe viel über mich erfahren, ich habe mich von einer anderen Seite kennen gelernt. Ich für mich. Altes, Unbewusstes und Unbewältigtes war plötzlich da, um endlich abgeschlossen zu werden. All die Stunden führten dazu, dass ich meinen Frieden mit mir und auch mit meinem Körper machen konnte. Ein Gefühl, das ich wohl nie vergessen werde und dankbar bin, es erlebt zu haben.
Markus Hardegger führt und begleitet seine FeuerläuferInnen während der ganzen Stunden auf eine sehr persönliche, humorvolle und äusserst motivierende Art. Ich fühlte mich jederzeit hervorragend aufgehoben. Mein Vertrauen in meinen Trainer war sehr, sehr gross. Auch wenn ich mir während der Pausen im Spiegel der Damentoilette in die Augen schaute und mich ernsthaft fragte, was zum Geier ich hier eigentlich verloren hätte. Ich gebe zu, dass ich einige Male froh gewesen wäre, ich hätte irgendjemandem die Schuld zuschieben können dafür, dass ich jetzt hier war. Aber da gab es beim besten Willen niemanden. Ausser mir selbst.
Selbst-Vertrauen
Immer wieder stellte ich mir die bange Frage, ob ich es wohl schaffe oder ob es genau bei mir schief gehen würde. Alle anderen SeminarteilnehmerInnen machten einen absolut überzeugten und überzeugenden Eindruck auf mich. Bei den anderen zweifelte ich seltsamerweise nicht eine Sekunde. Nur bei mir. Jedenfalls stellte ich mir wie gesagt diese beängstigende Frage immer wieder und wieder. Ich haderte mit mir selbst - Hiob wäre vor Neid erblasst. Bis ich mich einfach ergab. Es war plötzlich nicht mehr wichtig. Heute denke ich, dass dies ein ganz eindrücklicher Moment war. Ich hörte auf, mich zu wehren. Ich hörte auf, mich anzuzweifeln. Ich stellte mich einfach der Herausforderung. Ich wollte plötzlich nicht mehr zweifeln. Sondern im Gegenteil: Das Bedürfnis, der Wunsch zu vertrauen, war viel mächtiger. Mir zu vertrauen und meinen Fähigkeiten zu vertrauen. Markus Hardegger und seiner Erfahrung zu vertrauen. An mich glauben. Das wollte ich.
Und wissen Sie was? Es ist einfach wunderbar, dieses Gefühl, sich fallen lassen zu können, nicht mehr versuchen zu wollen - und zu müssen - vom Kopf her stark zu sein. Sondern einfach aufgeben zu können, sich nicht mehr gegen sich selbst zu wehren, schwach zu sein und genau deshalb aus dem Innern Stärke zu spüren und daraus zu schöpfen. Nicht denken, sondern sein. Loslassen, annehmen. Ein Stück von sich aufgeben, um sich als Ganzes wiederzufinden. Eine Befreiung. Eine Art Geburt.
Gewissheit
Der Feuerlauf selbst war ein eindrückliches Erlebnis. Der Vollmond am nachtdunklen Himmel über mir, ein sieben Meter langer Glutteppich vor mir. Was das für ein Gefühl war, da zu stehen und zu wissen, dass man jetzt dann über diesen feuerrot leuchtenden Weg gehen wird? Sie möchten wissen, was man in diesem Moment, bevor man den ersten Schritt tut, denkt? Nun, ich kann Ihnen nicht sagen, was man denkt. Ich kann Ihnen nur sagen, was ich dachte. Nichts. Ich glaube wirklich, dass ich eigentlich nichts fühlte und nichts dachte. Auf diesen Ebenen war ich wie leer. Aber dafür wusste ich. Wusste, dass ich jetzt diesen Schritt machen werde, dass ich über diese unglaublich heisse Glut gehen werde. Und dass ich gesund, sicher und stark am anderen Ende ankommen werde. Ich wusste, dass Markus neben mir stand und für mich da war. Ich wusste, dass meine FeuerläuferInnen bei mir waren, rund um den Glutteppich. Und ich wusste mit absoluter Gewissheit, dass ich diesen Schritt und die folgenden Schritte unbedingt tun wollte. Und ich wusste: Es ist gut, was ich hier mache.
Dann ging ich los. Das Gefühl an den Füssen ist eigenartig. In irgendeinem Winkel meines Gehirns war mir zwar klar, dass man genau über dieser Glut unter mir wunderbar eine Wurst grillieren könnte. Aber diese Information war in dem Moment nicht wichtig. Doch sie machte mir klar, wie unvorstellbar es ist, über diese glühenden Kohlen zu gehen und nicht einmal Wärme an den Füssen zu spüren. Eigenartigerweise fühlte ich die Strahlung der Hitze am Gesicht, am Oberkörper. Aber an den Füssen - nichts.
Es gibt Dinge, die man erlebt und erfahren haben muss - und die man entweder nicht erklären kann oder möchte. Ich möchte nichts erklären. Es interessiert mich nicht, welche Theorien irgendwelche Wissenschaftl
er aus irgendwelchen Gründen entwickelt haben. Es ist nicht wichtig. Es ist mir nicht wichtig. Ich habe erlebt und erfahren. Ich habe ein Stück von mir aufgegeben, irgendwann, nach langem Kampf gegen mich selbst. Und dafür habe ich ein ganz neues Stück von mir gefunden, vielleicht wieder-gefunden. Wer weiss. Das ist wichtig. Mir wichtig.
Stephanie Hugentobler
PS: In der Zwischenzeit habe ich noch einen zweiten Feuerlauf absolviert. Es war wiederum ein ganz spezielles Erlebnis. Und doch wird es mein allererster Feuerlauf sein, den ich nie vergessen werde. Es werden weitere Feuerläufe folgen - da bin ich mir sicher. Doch diese Berg- und Talfahrt meiner Gefühle, meine Ängste, dieser Kampf mit mir selbst wird sich wohl in diesem Ausmass nie mehr wiederholen. Das ist auch gut so. Denn mein erster Feuerlauf hat mich weitergebracht. Er ist es, der mich geprägt hat. Deshalb werde ich ihn nie vergessen. Alle weiteren Feuerläufe werde ich in Erinnerung an ihn machen. Damit ich nicht vergesse, wer ich bin und was ich kann. Wozu ich fähig bin, wenn ich loslasse, will, weiss und glaube.
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