Ein Porträt des Aadorfer Bildhauers
Werny S. Gegenschatz – Künstler mit Leib und Seele

von Stephanie Hugentobler
Der Aadorfer Bildhauer Werny S. Gegenschatz ist ein vielseitig begabter Künstler und aussergewöhnlicher Mensch. Ein Versuch, einer komplexen Künstlerseele näher zu kommen.
Werny S. Gegenschatz ist ein Mensch, der polarisiert. Einer, den man auf den ersten und auch zweiten Blick nicht recht einzuordnen vermag, sei es als Künstler oder als Individuum. Einer, der dieses Wort auch noch wirklich verdient hat. Denn Gegenschatz will sich und sein Werk nicht einordnen lassen. Sobald er das Gefühl hat, in ein Schema gepresst zu werden, ändert er abrupt und kompromisslos seine (Stil-)Richtung. "Ich habe kein Ziel. Ich bin schliesslich kein Velofahrer. Und überhaupt, was würde ich machen, wenn ich mein Ziel erreicht hätte? Dann wäre ich ja orientierungslos. Aber ich habe einen Weg, den ich gehe. Und wenn ich ihn eines Tages wirklich gegangen bin, gehen meine Objekte ihren Weg alleine weiter, die machen ihren Weg schon." Ob er deshalb am liebs-ten mit Stein arbeitet? Bücher, Fotografien und Bilder können problemlos entsorgt werden. Doch wie wird man eine schwere Skulptur einfach, schnell und gewaltfrei los? Die blosse Vorstellung daran entlockt dem Bildhauer ein Schmunzeln.
Der Mensch
Werny S. Gegenschatz wurde am 16. Mai 1956 geboren. Auch wer nichts auf Sternzeichen gibt, wird es bestätigen – er ist Stier, durch und durch. Nicht nur dickköpfig, sondern stur, in der Erde verwurzelt, ein Genussmensch und auch romantisch, sensibel, von Hochs und Tiefs gebeutelt. Ein Gefühlsmensch ist er, dieser Mann, bei dem zumindest Frauen auf den ersten Blick etwas erschrecken. Hart scheint er – liegts an seiner meist schwarzen Kleidung, an seiner ausdrucksstarken Mimik, an seinem markanten Schädel, welcher durch die kurzgeschorenen Haare noch markanter wirkt? Hart scheint er, oberflächlich gesehen, hart wie sein Lieblingsstein, der Peccia-Marmor, welchen er im Peccia immer selber holt. Und genau wie sein Material ist der Bildhauer vielschichtiger, wandelbarer als es im ersten Moment scheint. Aber um das zu erkennen, braucht es mehr als nur einen zweiten Augenschein. Um aus dem manchmal groben Klotz den tiefgründigen inneren Kern hervorzuholen, braucht es Knochenarbeit. Fast dieselbe Knochenarbeit, welche von Gegenschatz von seiner Bildhauerei abverlangt wird.
Die Kunst
Werny S. Gegenschatz ist kein Freund der Kunstszene – im Gegenteil. Dieser ganze Kuchen, diese Küsschen-Küsschen-Gesellschaft, ist ihm äusserst zuwider. Er hasst es, wenn sich jemand Künstler nennt, nur weil es gerade "in", schick und cool ist. Selten stellt er seine Werke aus, schon gar nicht mehr in Galerien. Er braucht die so genannten Kunstkenner nicht. Er schätzt es, wenn jemand Respekt hat vor seiner Arbeit, vor seiner Kunst – ob sie nun gefällt oder nicht. Seit 23 Jahren ist Gegenschatz nun freischaffender Künstler – und auch selbsttragend, das ist ihm immens wichtig. Fuchsteufelswild wird er, wenn ihm gesagt wird, man könne sein Werk nicht einordnen. "Kunst kann nicht eingeord-net werden. Ich höre auf mich selber, will mein Werk machen." Um dies zu verdeutlichen, hat sich Werny Gegenschatz in Werny S. Gegenschatz umbenannt. Das S steht für selber, er selbst sagt und macht, was er will. Klar, dass er auch kein Vorbild hat. Aber Respekt, und zwar vor Michelangelo. Die unbekannten Werke sind es, die es dem Aadorfer angetan haben, nicht das, was alle kennen. Ja, früher war das noch anders mit der Bildhauerei. Eine eher seltene Kunst ist sie geworden. Zudem wird heute vieles mit Maschinen gemacht. Nicht so bei Gegenschatz. An seine Steine lässt er keine Technik. Auch das macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung. "Wer arbeitet heute noch mit Stein und alles von Hand? Da gibt es nicht mehr viele, das ist nämlich viel zu anstrengend!"
Die Vielseitigkeit
Ganz zu Beginn seiner Künstlerlaufbahn hat Gegenschatz seine Gefühle und Visionen mit dem Pinsel zum Ausdruck gebracht. Seit zwölf Jahren ist er Bildhauer, seine bekannten Steinköpfe lässt er seit sieben Jahren immer wieder in neuen Variationen entstehen. Der malende Bildhauer schreibt und fotografiert auch. Die Texte sind unter Verschluss – aber wer weiss? Einige Fotografien hängen als Kostprobe in seiner Wohnung. "Die sind ganz speziell! Wann stellst du aus?" Eine Frage, welche einmal mehr eine leichte Gewitterwolke auf Gegenschatzs Gesicht zaubert. Das eile nicht, er sei noch nicht so weit, da müsse alles stimmen, für ihn, und vorher gebe es da gar nichts. Und wenn sich Gegenschatz einmal in ein Thema verbissen hat, lässt er es nicht mehr so einfach los. Vom Materialfetischismus in der Fotografie ist die Rede, davon, dass es nichts bringt, auf das richtige Licht zu warten und dafür der Moment nicht gesehen wird. "Das beste Gerät nützt nichts, wenn man den richtigen Augenblick nicht spürt – und nutzt!" Ziemlich in Rage redet sich Werny S. Gegenschatz, wenn es um gewisse Ausstellungen von "solchen Künstlern" geht. "Da machen sie einmal ein Kürsli, der Nachbarin und der Schwiegermutter gefällt das Zeug – und dann muss man sofort ausstellen und Künstler sein wollen!" Zynisch und spöttisch wird er, der sich als Autodidakt alles selber (hier haben wir es wieder!) beige-bracht hat, wenn er über einen Bildhauerkurs berichtet, welcher Tausende von Franken kostet und bei dem die Teilnehmenden nach ein paar Wochen ein Zertifikat erhalten. Diese "Kollegen", das ist klar, wird er nie ernst nehmen können.
Die Sehnsucht
Die grosse Sehnsucht des Werny S. Gegenschatz ist Irland. Als er die Insel das erste Mal betreten hat, spürte er diese Wurzeln der Verbundenheit tief in sich drin. Heimisch hat er sich gefühlt, alles ist ihm so bekannt vorgekommen. Ist er hier in der Schweiz, erfüllt ihn ein Kribbeln, eine Sehnsucht nach Irland. Aber auswandern, nein, das würde er nie. Dann wäre die Sehnsucht erfüllt, das Besondere zur Alltäglichkeit verkommen. Gegenschatz will sich das Verlangen nach der Ruhe, Weite, Naturgewalt und Farbkraft der Grünen Insel bewahren. Die Urmenschen, wie er die Iren nennt, haben es ihm angetan. Sie sind mit ihrer Vergangenheit verwurzelt, mit der Mystik, dem Keltentum und der Natur. Wie Gegenschatz kennen und leben sie die Melancholie, das abgrundtief Traurige, aber auch die himmelhoch jauchzende Lebensfreude. Ja, er liebt sie, die Iren im Südwesten der Insel, da, wo es glücklicherweise keinen Tourismus gibt. Ein besonderes, überwältigendes Werk hat Werny S. Gegenschatz hier geschaffen. Am Strand legt "Titan", ein grosser, schreiender Steinkopf, Zeugnis ab vom Wissen, dass dies der letzte Punkt war, welchen die Titanic von Irland gesehen hat.
Das Geld
Die Frage nach dem Geld löst in Gegenschatz, der mit seinem 14-jährigen Sohn zusammenlebt, kein geziertes Getue aus. Im Gegenteil, ein prägnantes "Existieren oder nicht" ist die Antwort. Ein Sinnbild sind für ihn seine Fahrten in den irischen Fischkuttern, auch da gilt es, sich in Stürmen und Wogen über Wasser zu halten "und nicht abzusaufen". Verglichen damit, so Gegenschatz, sei das finanzielle Sich-über-Wasser-Halten ein Kinderspiel. Denn auf der irischen See sei es wirklich gefährlich. Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass Gegenschatz nur des Geldes wegen verkauft. Müsste er nicht, würde er seine Werke alle selbst behalten wollen. Eigentlich bricht ihm ein Verkauf jedes Mal das Herz. Und manchmal hasst er sich dafür, dass er verkauft und so ein Stück von sich selbst weggibt. Sein Schmerz ist weniger gross, wenn er die Käuferinnen und Käufer seiner Bilder und Skulpturen kennt – und sicher gehen kann, dass sie geschätzt und respektiert werden. Nie würde er im Auftrag tätig werden. Er weiss, dass die Vorstellungen in den Köpfen der anderen sich mit den seinen nicht decken.
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